27.02.2009

Ausstellung “Pläne von Auschwitz” (picture-alliance/dpa)
Für die Sanierung der Gedenkstätte Auschwitz hat Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier eine Million Euro zugesagt. Der polnische Außenminister Sikorski hatte seine europäischen Amtskollegen gebeten, Polen bei der Sanierung der Gedenkstätte zu unterstützen. “Deutschland kann und wird sich dieser Aufgabe nicht entziehen”, so Steinmeier.
Seit Bestehen der Bundesrepublik bemühen sich die verschiedenen Bundesregierungen um Aussöhnung mit Polen. Deutschland ist sich dabei seiner besonderen Verantwortung für den Erhalt der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau bewusst.
Das Konzentrationslager Auschwitz ist weltweit Synonym für Holocaust und Völkermord. Von 1940 – 1945 wurden dort 1,5 Millionen Menschen von den Nazis ermordet. Nach dem Krieg richtete der polnische Staat das „Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau“ ein, das 1947 in die Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten aufgenommen wurde.
Bis 1990 wurden die Kosten für die Gedenkstätte ausschließlich vom polnischen Staat getragen. Seit 1991 haben sich auch die Bundesregierung und die Länder mit etwa 20 Mio € an den Restaurierungs- und Konservierungsarbeiten beteiligt. Weitere Mittel kamen von anderen europäischen Regierungen und privaten Unterstützern. Mit diesen Ressourcen konnten die dringlichsten Erhaltungsmaßnahmen sichergestellt werden.
Trotzdem bleibt der Gesamtzustand der Gedenkstätte insbesondere in Birkenau prekär. Falls keine Abhilfe geschaffen wird, kann die Bausubstanz auf Dauer nicht den Belastungen standhalten. Die Gedenkstätte benötigt deshalb dringend zusätzliche Finanzmittel.
Steinmeier sagte am 27. Februar in Berlin: “Deutschland kann und wird sich dieser Aufgabe nicht entziehen. Mein Haus wird in der jetzigen Planungsphase zunächst 1 Mio Euro zur Verfügung stellen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass im kommenden Haushalt zusätzliche Mittel eingestellt werden. Außerdem werde ich gegenüber der deutschen Wirtschaft und bei Stiftungen dafür werben, sich an dieser historischen Aufgabe zu beteiligen.”

Besuch von Außenminister Sikorski in Berlin und Potsdam am 05./06.12.2008, Gang über den Weihnachtsmarkt mit Außenminister Steinmeier (Thomas Trutschel/photothek.net)
Deutsch-Polnische Aussöhnung
Deutschland und Polen verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Die großen Umwälzungen des Jahres 1989 und die gemeinsame Mitgliedschaft in der Europäischen Union verbinden beide Länder. Annäherung, Zusammenarbeit und Aussöhnung sind wichtige Elemente der Beziehungen zwischen den beiden Ländern seit dem Ende des 2. Weltkriegs. Einige große Projekte konnten in den letzten Jahren verwirklicht werden.
Die Jahrestage 2009 verdeutlichen die dunklen Seiten der deutsch-polnischen Geschichte ebenso wie die des Neuanfangs und der Versöhnung: Es jähren sich der deutsche Überfall auf Polen und der Beginn des 2. Weltkriegs zum 70. Mal, aber auch das Grundgesetz wird 60 Jahre alt und 20 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen.
1989: “Wir haben dankbar zu sein”
Am 9. Februar dieses Jahres wurde in Berlin der 20. Jahrestag des Runden Tisches begangen. “In Europa wurde 1989 die Freiheitsgeschichte neu geschrieben. Wir Deutschen haben dankbar zu sein für das mutige Vorangehen der Polen.” Mit diesen Worten würdigte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier den Beitrag der polnischen Opposition zur Demokratisierung Osteuropas und zur Überwindung des Eisernen Vorhangs. Beide Entwicklungen sind eng verbunden mit der deutschen Einheit.
Der Begriff des “Runden Tisches” bekam seine eigenständige Bedeutung durch die Gespräche und Verhandlungen zwischen der polnischen Regierung und oppositionellen Bewegungen wie der Solidarność in den Jahren 1988 und 1989. Das neue Format des Runden Tisches wurde als Ausdruck der wachsenden demokratischen Teilhabe auch in der DDR, in der Tschechoslowakei und Ungarn übernommen.
Steinmeier fügte hinzu: “Und wir haben begonnen, uns auch den dunklen Kapiteln unserer Geschichte in neuem Geist zu nähern. Eine solche Aufarbeitung erfordert Vertrauen, erfordert behutsamen Umgang miteinander und mit den Empfindlichkeiten auf beiden Seiten.”

Regelung grundlegender Fragen als Basis guter Beziehungen
Gerade vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs stellen eine Reihe völkerrechtlicher Verträge eine wichtige Grundlage für die Beziehungen dar. Dazu gehören der Vertrag von 1990 über die Bestätigung der deutsch-polnischen Grenze oder der Vertrag von 1991 über die gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit.
Übersicht über einige wichtige deutsch-polnische Verträge und Abkommen
Zur rechtlichen Klarheit trug auch bei, dass der Europäische Gerichtshof am 8. Oktober 2008 die Beschwerde der “Preußischen Treuhand” bezüglich Restitutionsforderungen deutscher Vertriebener zurückwies. Außenminister Steinmeier erklärte dazu, die Entscheidung bestätige die Haltung der Bundesregierung, dass im deutsch-polnischen Verhältnis keine offenen Vermögensfragen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg bestehen.
BM Steinmeier zur Entscheidung des Gerichts
Grenzüberschreitende Zusammenarbeit
Diese grundsätzlichen Regelungen haben eine Intensivierung der politischen und zwischengesellschaftlichen Zusammenarbeit ermöglicht. Ein Beispiel ist die Arbeit der Deutsch-Polnischen Regierungskommission für regionale und grenznahe Zusammenarbeit für den Dialog aller Beteiligten in einer Vielzahl von Bereichen.
Diese Kommission aus hohen Beamten beider Regierungen, Vertretern der Länder und Woiwodschaften berät über praktische Verbesserungen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in den Bereichen Verkehr, Infrastruktur, Umweltschutz, Gesundheit und zivilgesellschaftlichen Austausch. So ist z. B. ein Abkommen zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit der Rettungsdienste in Vorbereitung.
Vergangenheitsbewältigung
1990 wurde die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gegründet. Seitdem hat sie mit über 240 Millionen Euro rund 8600 Projekte gefördert. Begegnungsstätten wurden gebaut, Denkmäler des gemeinsamen Kulturerbes vor dem Untergang bewahrt und die Infrastruktur für den Ausbau der Beziehungen verbessert. Auch in Zukunft sollen vor allem partnerschaftlich angelegte Projekte auf kommunaler Ebene sowie die wissenschaftliche Zusammenarbeit gefördert werden.
Die Stiftung deutsch-polnische Aussöhnung wurde geschaffen, um Opfer von Krieg, Okkupation und KZ-Haft zu entschädigen. Sie hat ihre Mittel (rund 250 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt) an die Antragsberechtigten weitgehend ausgezahlt. Im Rahmen der neu geschaffenen Bundesstiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” ist sie bei der Umsetzung der NS-Zwangsarbeiterentschädigung noch aktiv.
Hintergrund zur “Stiftung Flucht, Vertreibung Versöhnung” finden Sie hier:

Preisverleihung an Ruth Misselwitz, Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen (dpa/picture-alliance)
Regelmäßiger politischer Austausch
Nach der deutschen Vereinigung 1990 und den tiefgreifenden Veränderungen in Mittel- und Osteuropa entwickelten die deutsch-polnischen Beziehungen eine beeindruckende Dynamik. Regelmäßige Treffen der Staatspräsidenten sowie der Regierungschefs als auch Minister der beiden Länder sind dabei ein Ausdruck dieser engen Partnerschaft.
Im Laufe der Jahre wurde der intensive politische Dialog durch ein formelles Element ergänzt: deutsch-polnische Regierungsgespräche (Konsultationen), an denen Regierungschefs und Minister der wichtigsten Ressorts teilnehmen.
Zuletzt fanden Regierungskonsultationen im Dezember 2008 in Warschau statt. Unter anderem wurde die Chance des Nachdenkens über die gemeinsame Geschichte hervorgehoben, die das Gedenkjahr 2009 bietet.
Anlässlich dieser Regierungskonsultationen verliehen die beiden Außenminister Steinmeier und Sikorski den Deutsch-Polnischen Preis, der im letzten Jahr erstmalig seit 2005 wieder vergeben wurde. Er ging an die Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste e. V. sowie die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung.
Die 1991 mit dem Weimarer Treffen der Außenminister Genscher, Dumas und Skubiszewski begonnenen trilateralen Konsultationen zwischen Polen, Deutschland und Frankreich sind von den drei Regierungen auch nach dem EU-Beitritt Polens weiterhin fortgesetzt worden. Zuletzt gab es im Jahre 2008 ein Treffen in Paris auf Ebene der Staatsminister in diesem Format.
Auch infolge vieler kleiner Begegnungen konnte ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen beiden Ländern geschaffen werden. Ministerpräsident Tusk und Außenminister Sikorski betonten bei ihren Besuchen in Berlin im Dezember 2007 kurz nach der Bildung der neuen polnischen Regierung den Willen Polens, die Beziehungen zu Deutschland zu reintensivieren und vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Einen wichtigen Beitrag hierzu leisten die regelmäßigen Begegnungen der Außenminister. So besuchte etwa Außenminister Steinmeier seinen Amtskollegen Sikorski zu Hause (Anfang April 2008), und der Gegenbesuch Sikorskis in Berlin und Potsdam folgte im Dezember 2008.

Mazowiecki, Lautenbach und Steinmeier (AA)
Ernennung deutsch-polnischer Koordinatoren
2004 einigte man sich auf die Einsetzung von deutsch-polnischen “Koordinatoren”, die den jeweiligen Außenämtern zugeordnet sind. Die Arbeit der Koordinatoren dient der verstärkten Pflege der deutsch-polnischen Beziehungen auf der zwischengesellschaftlichen Ebene. Auf deutscher Seite wurde Gesine Schwan als “Koordinatorin für die deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit” benannt. Auf polnischer Seite wird diese Funktion derzeit von dem zum StS in der Kanzlei des Ministerpräsidenten berufenen ehemaligen Außenminister Bartoszewski wahrgenommen. Im Dezember 2008 fand unter Leitung von Gesine Schwan das Deutsch-Polnische Forum in Berlin statt.
Webseite von Gesine Schwan, Koordinatorin für die deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit
Gemeinsame Projekte vertiefen die Aussöhnung
Der Bereich der Bildung und Jugendförderung ist ein wichtiger Schwerpunkt der Zusammenarbeit.
- Bereits seit 1993 gibt es das Deutsch-Polnische Jugendwerk. Nach dem Vorbild des Deutsch-Französischen Jugendwerks ermöglicht es Jugendlichen aus unterschiedlichen Ländern, sich bei gemeinsamen Projekten, Praktika und Kursen kennenzulernen. Bis heute haben mehr als 1,5 Millionen deutsche, polnische und andere europäische Jugendliche an DPJW-Veranstaltungen teilgenommen (seit Abschluss der Aufbauphase rund 130.000 Jugendliche jährlich).
- Die Sichtweise des jeweils anderen auf die Geschichte zu kennen, ist wichtig für Verständigung und Vergangenheitsbewältigung. Außenminister Steinmeier initiierte die Idee für ein deutsch-polnisches Geschichtsbuch: Nachdem eine Machbarkeitsstudie des Georg-Eckert-Instituts im Mai der deutsch-polnischen Schulbuchkommission vorgestellt wurde, hat der gemeinsame Lenkungsausschuss seine Arbeit aufgenommen und arbeitet derzeit an einem Konzeptionsentwurf.
- Im Juni 2008 wurde das deutsch-polnische Schulabkommen ratifiziert. Damit ist die rechtliche Grundlage für den Betrieb der Willy-Brandt-Schule in Warschau als deutsch-polnische Begegnungsschule gelegt.
- Auch die Hochschulen haben ein enges Netz wissenschaftlicher Kontakte geschaffen, von dem beide Länder profitieren. Knapp 800 offizielle Hochschulkooperationen gibt es derzeit. (Stand: 07. Juli 2008). In besonderer Weise tragen die Europa-Universität Viadrina, das Collegium Polonicum in Słubice, das Internationale Hochschulinstitut (IHI) Zittau, die Neisse University (ein Netzwerk der Technischen Universität Liberec, der Technischen Universität Breslau und der Hochschule Zittau/Görlitz) und das Europakolleg Natolin (Warschau) als Begegnungsstätten zum europäischen Integrationsprozess bei.
Daneben gibt es zahlreiche weitere Ebenen des Austauschs und Kennenlernens. So ist beispielsweise die Zahl der Städtepartnerschaften zwischen Deutschland und Polen seit 1989 stark angewachsen (von 30 auf ca. 600).
Auch die starke wirtschaftliche Verflechtung zwischen Polen und Deutschland reflektiert die engen Beziehungen zwischen den Ländern. Deutschland ist seit vielen Jahren der mit Abstand größte Handelspartner Polens. Polen ist der bedeutendste Handelspartner Deutschlands in Mittel- und Osteuropa sowie den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.