Monthly Archive for Januar, 2010

Interview: Außenminister Guido Westerwelle in der Süddeutschen Zeitung zum deutschen Engagement in Afghanistan

Afghanischer Polizist in Herat

Afghanischer Polizist in Herat (picture-alliance/dpa)

Herr Minister, was ist gut an Afghanistan?

Gut ist, dass es einen neuen Anfang gibt, den wir in London beschlossen haben. Aber wenn Sie nach dem Satz von Bischöfin Käßmann fragen, wonach nichts gut sei in Afghanistan: Dieser Satz ignoriert, dass vieles besser geworden ist seit der Schreckensherrschaft der Taliban.

Was denn?

Mittlerweile können zum Beispiel Millionen Kinder zur Schule gehen, davon ein Drittel Mädchen. Wenn jemand sagt, nichts ist gut in Afghanistan, sollte er auch mit den Frauen reden, die ein menschenwürdiges Leben nicht vergittert im Haus oder mit Stoffplanen vor dem Gesicht führen können.

Sie sprechen vom Strategiewechsel. Übertreiben Sie dabei nicht den deutschen Anteil?

Wenn 70 Länder eine gemeinsame Strategie verabreden, ist das immer ein gemeinsames Werk. Wir Deutsche haben mit unserem Konzept einen wichtigen Beitrag geleistet. Ich selbst habe vom ersten Tag in meinem Amt an für diesen Strategiewechsel gearbeitet.

Was haben Ihre Vorgänger falsch gemacht?

Wenn man etwas ändern will, ist das nicht immer eine Kritik an denen, die vorher regiert haben. Es gibt doch einen Erkenntnisgewinn nach den Erfahrungen der letzten Jahre. Wir müssen die politische Strategie und den zivilen Aufbau mehr in den Mittelpunkt stellen. Dazu zählt auch die Reintegration von Mitläufern. Es hat zu lange bei zu vielen die Illusion gegeben, man könne Afghanistan militärisch gewinnen.

Haben Sie denn Ihr politisches Schicksal mit dem Erfolg in Afghanistan verbunden?

Ich bin vorsichtig mit solchen apodiktischen Formulierungen, weil es ja auch nicht um mich geht, sondern um unseren gemeinsamen Erfolg. Wir haben jetzt eine neue Strategie, die die Chance auf einen Erfolg hat, und wir werden dafür arbeiten, dass sie auch diesen Erfolg hat. Weitermachen wie bisher ist keine Alternative. Kopflos raus auch nicht.

Die Bundestagswahl 2013 wird also nicht in Afghanistan entschieden?

Was im nächsten Wahlkampf diskutiert wird, werden wir in vier Jahren sehen. Ich habe in neun Jahren als Parteivorsitzender zu viele Prognosen gelesen – einschließlich angeblich sicherer Erkenntnisse über mein eigenes politisches Schicksal, die sich dann um so sicherer als falsch erwiesen.

Apropos Prognosen: Garantieren Sie einen Beginn des Abzugs 2011?

Ende 2010 wollen wir mit der regionalen Übergabe der Verantwortung beginnen, Distrikt für Distrikt. Damit wollen wir bis 2011 so weit sein, dass unser
Bundeswehr-Kontingent erstmalig reduziert werden kann. Wir unterstützen das Ziel von Präsident Karsai, bis 2014 die Sicherheitsverantwortung vollständig zu übernehmen.

Der Abzugsbeginn 2011 ist also ein Ziel, aber kein Versprechen?

Eine Strategie ist immer eine Mischung aus Analyse und Schlussfolgerungen. Wir haben diese Strategie beschlossen, weil wir überzeugt sind, dass sie wirkt. Ich habe nicht die Absicht, dies aus innenpolitischen Gründen pathetisch aufzuladen. Übrigens hat diese Bundesregierung zum ersten Mal konkrete Ziele für den wirtschaftlichen und sozialen Aufbau im Norden gesetzt. Das ist nicht selbstverständlich. Wir sagen, wie viele Kinder zur Schule gehen sollen, wie viele Straßen gebaut werden, wie viele Menschen Zugang zu Wasser und Energie bekommen sollen. Wenn wir das nicht erreichen, werden wir das erklären müssen. Wir brauchen aber diese Transparenz, wenn wir wollen, dass die Gesellschaft den Einsatz mitträgt.

Ohne innenpolitische Unterstützung werden Sie den Einsatz nicht aufrecht erhalten können.

Ja, aber mir geht es nicht darum, ob ich heute in Umfragen oder Kommentarspalten freundlich behandelt werde. Wenn ich in vier Jahren zurückblicke,
möchte ich mit Fug und Recht sagen können, dass unser Weg nicht nur für Afghanistan, sondern auch für die Sicherheit unseres Land und die Weltgemeinschaft erfolgreich war.

Notfalls ohne die Opposition? Können Sie es riskieren, das neue Mandat ohne die SPD zu verabschieden?

Ich möchte, dass möglichst viele in der Opposition mitmachen. Und ich hoffe, dass SPD und Grüne bei dem bleiben, was sie selbst in der Regierung gesagt haben. Ich werde mich aber nicht an parteipolitische Manöver von Oppositionsparteien fesseln. Seitdem ich im Amt bin, habe ich das Gespräch auch mit der Opposition gesucht und bin dazu weiter bereit. Ich möchte SPD und Grüne herzlich bitten, sich nicht ihrer Verantwortung zu entziehen und sich mit vorgeschobenen Gründen einen schlanken Fuß zu machen.

Kann die Opposition noch Einfluss auf das Mandat nehmen?

Wir werden jetzt das Mandat ausformulieren. Mutmaßlich am 10. Februar werde ich im Bundestag eine Regierungserklärung abgeben. Vorher werde ich die Meinungen der Fraktionen erbitten, aber die Kernpunkte, die in London von fast 70 Staaten verabschiedet worden sind, die kann, will und werde ich nicht ändern. Wer sich beispielsweise die Äußerungen von Frank-Walter Steinmeier ansieht, der müsste erkennen, dass vieles auch aus den Konzepten der Opposition in unsere Arbeit eingeflossen ist, etwa beim Programm der Reintegration von Mitläufern. Das steht auch im Konzept der SPD.

… aber offenbar nicht in dem der CSU, die von einer Abwrackprämie für Terroristen gesprochen hat.

Das ist so töricht, dass ich dazu nichts sagen muss.

Die Bundesregierung zahlt eine hohe Summe in den Versöhnungsfonds. Wer kontrolliert die Ausgabe?

Wir werden keinen Blankoscheck ausstellen. Außerdem fangen wir ja nicht bei null an. Die Vereinten Nationen zum Beispiel verfügen bereits über umfangreiche Erfahrungen mit Reintegration. Das Geld darf nicht zu einer Prämie für Gewalt werden, es darf auch nicht versickern, sondern muss bei den jungen Männern ankommen, die des Kämpfens müde sind und die wir in ihre Dorfgemeinschaften zurückführen wollen. Das Programm ist also im Kern ein Ausbildungs- und Beschäftigungspaket.

Genügt der Fonds, um auch den harten Kern der Taliban zu erreichen?

Wir müssen unterscheiden zwischen Wiedereingliederung und den Versöhnungsgesprächen. Das sind zwei Säulen der gesellschaftlichen Aussöhnung. Wir
wissen auch, dass wir mit einem Eingliederungsprogramm keinen verblendeten Ideologen oder fundamentalistischen Gewalttäter gewinnen können. Aber wir können diejenigen ansprechen, deren Gefolgschaft die Macht der Taliban und der Terroristen erst ausmacht. Es geht darum, den harten, terroristischen, fundamentalistischen Kern zu trennen von den Mitläufern. Jungen Männern, die nicht selten weder lesen noch schreiben können, und oft aus wirtschaftlicher Not für ein paar Dollar bereit sind, Waffen in die Hand zu nehmen. Wenn man denen das Angebot macht, nicht mehr kämpfen zu müssen, nicht mehr ständig um ihr Leben fürchten zu müssen und Familien gründen oder zu ihnen zurückkehren zu können, dann geben wir ihnen eine neue Chance. Dass auch die Nachbarstaaten einschließlich Pakistan dies unterstützen, sollte nicht vergessen werden.

Wie weit darf man bei dem Versöhnungsprozess gehen? Darf man mit Terroristen verhandeln? Da gehen auch in Deutschland die Emotionen hoch.

Die innenpolitischen Debatten lasse ich mal beiseite. Die Aussöhnung ist eine zutiefst innerafghanische Angelegenheit. Das im Rahmen einer
Ferndiagnose zu betreiben, macht keinen Sinn. Wenn Präsident Hamid Karsai neue Wege sucht, um die Gräben in seinem Land zu überbrücken, dann werden wir das unterstützen. Er selbst verlangt die Akzeptanz der Verfassung und die Absage an Gewalt. Nur weil dieser Prozess schwierig ist, darf man ihn nicht unterlassen. Ich sehe auch keinen Gegensatz zwischen Demokratisierung und Stabilisierung.

Die Demokratisierung ist aber sehr in den Hintergrund geraten.

In London haben sich insbesondere zwei Außenminister für Frauenrechte in Afghanistan eingesetzt. Das waren die amerikanische Außenministerin und ich selbst. Es darf nicht verloren gehen, was an Freiheit und Menschenwürde in dem Land gewonnen wurde. Das ändert nichts an unserer Entschlossenheit, gegen terroristische Gewalttäter vorzugehen. Yitzchak Rabin hat einst einen richtigen Satz geprägt: „Wir müssen den Terrorismus bekämpfen, als ob es keinen Friedensprozess gebe, und den Friedensprozess verfolgen, als ob es keinen Terrorismus gebe.“

Wenn die deutschen Truppen nun zusammen mit afghanischen Einheiten in Einsätze gehen, könnte es zunächst mehr Tote geben und damit schwieriger werden für Sie, diese neue Strategie zu erklären.

Wir werden tun, was wir können, um die Gefahren zu verringern. Es zählt zu den schwierigsten Momenten in der Regierungsverantwortung, unsere Soldaten in gefährliche Einsätze wie in Afghanistan zu schicken. Dass unsere Bevölkerung eine Grundskepsis gegenüber Militäreinsätzen hat, finde ich eine der positivsten Entwicklungen unsere Geschichte. Deswegen kritisiere ich niemanden, der diesem Einsatz skeptisch gegenüber steht. Ich muss aber Entscheidungen treffen, weil sie richtig sind, selbst wenn sie keine Zustimmung in den Umfragen erzeugen. Es geht schließlich um die Sicherheit unserer
Bürger.

Aus der Bundeswehr kam der Rat, das Kontingent um 3000 Mann zu vergrößern, das Verteidigungsministerium wollte mehr als 1000 Soldaten, nun sind es 850 geworden. Wie kommt diese Zahl zustande? Alles nur Innenpolitik?

Man muss doch zunächst sagen, was sinnvoll und nötig ist. Insgesamt wollen wir etwas mehr als 300.000 afghanische Sicherheitskräfte schaffen. Dafür müssen auch wir Deutsche mehr ausbilden – pro Jahr etwa 5000 Polizisten. Mir war wichtig, dass wir zunächst über Umschichtungen im bestehenden Kontingent reden. Obwohl wir schon 4500 Soldaten in Afghanistan hatten, waren nur 280 mit der Ausbildung betraut. Jetzt stocken wir lediglich um 500 auf, vergrößern aber die Ausbilder-Gruppe auf 1400 Männer und Frauen. 350 weitere Soldaten sind eine flexible Reserve, z.B. für die Wahlen im September, deren Einsatz ausdrücklich mit dem Parlament besprochen werden muss.

Die USA werden 5700 Soldaten in den Norden verlegen, genau so viele, wie die Bundeswehr dort haben wird. Wer hat da die Hosen an?

So wie es in unserem Konzept steht. Der Generalinspekteur hat ausdrücklich bestätigt, dass Deutschland die umfassende Führung für Isaf im Norden
hat.

Strategischer Neuanfang für Afghanistan

28.01.2010

Afghanistan-Konferenz Gruppenfoto in Lancaster House

Afghanistan-Konferenz Gruppenfoto in Lancaster House (newsteam.co.uk/ Crown Copyright)

Die Londoner Afghanistan-Konferenz hat sich auf einen ganzheitlichen Ansatz geeinigt, um die weitere Entwicklung des Landes voranzubringen. Auf dem Weg zu mehr afghanischer Eigenverantwortung sagten die Konferenzteilnehmer sowohl mehr zivile Hilfe als auch einen verstärkten Aufbau der afghanischen Sicherheitsorgane zu. Gleichzeitig verpflichtete sich die afghanische Regierung zu  “guter Regierungsführung”. Bundesaußenminister Guido Westerwelle ist mit den Ergebnissen sehr zufrieden, er bezeichnete die Konferenzergebnisse als “Wendepunkt”.

Für Westerwelle ist die Konferenz mit einem “außergewöhnlich gutem Ergebnis” zu Ende gegangen. Jetzt beginne der Prozess der “Übergabe in Verantwortung” an die afghanische Regierung. Noch 2010 komme es zu einer Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen in bestimmten Gebieten, 2011 würden schrittweise auch deutsche Truppen abgezogen, ab 2014 solle Afghanistan selber die Sicherheit im Land garantieren können.

Schrittweise sollen die Sicherheitsaufgaben auf die afghanischen Institutionen übertragen werden, heißt es im Abschlussdokument der Londoner Konferenz. Dazu werden die Anstrengungen bei der Ausbildung der afghanischen Armee und Polizei verstärkt. Auch Deutschland sagte zu, mehr Soldaten zur Ausbildung der afghanischen Armee einzusetzen. Dazu sollen einerseits die Aufgaben der im Lande befindlichen Truppen neu organisiert werden, andererseits sollen 500 weitere Soldaten zur Ausbildung nach Afghanistan geschickt werden.

“Ich habe sehr deutlich gemacht, dass Stabilität und Demokratisierung zwei Seiten derselben Medaille seien”, betonte Westerwelle. Es gehe auch darum, die demokratische Entwicklung des Landes zu fördern. Insbesondere unterstützte er die Forderungen der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton, ein besonderes Augenmerk auf die Rechte von Frauen zu legen.

Deutsche Strategie gut aufgenommen

“Alle Punkte des deutschen Konzepts haben Eingang in das Schlussdokument der Konferenz gefunden”, sagte Westerwelle. Deutschland habe einen erheblichen Beitrag zum Erfolg der Konferenz geleistet. Dies sei auch eine gute Nachricht für die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland.

Er erneuerte seine Mahnung, niemand könne garantieren, dass die neue Strategie erfolgreich ist. Die Fortschreibung der alten Strategie, so Westerwelle, wäre aber in jedem Fall erfolglos gewesen. Gleichzeitig betonte er, die Zusagen der internationalen Staatengemeinschaft sei kein “Blankoscheck”. Man werde darauf achten, dass die afghanische Regierung ihre Zusagen auch einhalte.

Das Abschlusskommuniqué unterstreicht, dass man in eine neue Phase auf dem Weg zu voller afghanischer Eigenverantwortung eintrete. Die afghanische Regierung solle die Bedürfnisse der Bevölkerung auch dadurch besser erfüllen können, dass sie ihre eigenen Institutionen und Ressourcen entwickelt.

An der eintägigen Konferenz nahmen neben dem britischen Premierminister Gordon Brown, VN-Generalsekretär Ban Ki Moon und dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai mehr als 40 Außenminister teil. Deutschland wurde durch Bundesaußenminister Guido Westerwelle vertreten. Die Konferenz war auf Initiative der deutschen, der französischen und der britischen Regierung zustande gekommen.

Informationen zur Londoner Afghanistan-Konferenz (englisch)

Deutschland mit neuem Konzept

Vor der Konferenz hatte sich die Bundesregierung auf ein neues Afghanistan-Konzept verständigt. Das Ziel der Anstrengungen ist mehr Sicherheit für Deutschland durch die langfristige Stabilisierung Afghanistans. Dazu wird einerseits die Hilfe für den zivilen Wiederaufbau verdoppelt, andererseits die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte verstärkt.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle hatte noch vor Konferenzbeginn betont, das von der Bundesregierung beschlossene Konzept sei “ein Konzept des Neuanfangs und der neuen politischen Strategie”.

Gemeinsames Ziel sei es, mit dem Prozess der Übergabe der Verantwortung in afghanische Hände noch in diesem Jahr zu beginnen: “Ziel ist eine Abzugsperspektive für unsere Soldatinnen und Soldaten.” In den nächsten vier Jahren sollten, so der Außenminister, die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass die militärische Präsenz schrittweise zurückgeführt werden kann.

Westerwelle vor der Presse in London

Westerwelle: Alle in die Pflicht nehmen

Während der Konferenz machte der deutsche Außenminister in seinem Redebeitrag deutlich, dass mit der Konferenz ein neues Kapitel aufgeschlagen werden solle. Neben der afghanischen Regierung und der internationalen Staatengemeinschaft müssten auch die internationalen Organisationen in die Pflicht genommen werden.

Stärker als bisher müsse auf zivile Mittel gesetzt werden, es brauche einen breiten politischen Ansatz, so der deutsche Außenminister. Er unterstütze daher das Dialogangebot von Präsident Karsai zur Rückkehr von Mitläufern.

Breite Zustimmung der internationalen Partner

Bereits am Vorabend der Konferenz kam Westerwelle mit einigen Amtskollegen zusammen und erläuterte die Kernpunkte des deutschen Konzepts. Dabei herrschte Einigkeit über die Notwendigkeit, eine Abzugsperspektive zu erarbeiten. Premierminister Brown würdigte zudem zu Konferenzbeginn die Ankündigung der deutschen Regierung, die Hilfe für den Wiederaufbau zu verdoppeln.

Zuvor hatte Westerwelle bereits die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton über das neue Konzept der Bundesregierung informiert: “Unsere Verbündeten wissen, wie stark sich Deutschland engagiert”, so Westerwelle. 

Auch der afghanische Präsident Hamid Karsai, der Deutschland vor der Konferenz besuchte, habe auf das Konzept “sehr positiv” reagiert. Der Bundesaußenminister unterstrich, dass es auch in der Völkergemeinschaft “großen Rückenwind für den deutschen Strategiewechsel” gebe. Die 27 Außenminister der EU sähen “es in den Schlüsselpunkten genau so wie” die deutsche Regierung.

Westerwelle im ZDF-Morgenmagazin (Video)

Mitläufern eine wirtschaftliche Perspektive geben

Auf der Konferenz wurde ein Reintegrationsfonds für Mitläufer geschaffen. Westerwelle bekräftigte: “Wir wollen, dass junge Männer, die nicht Ideologen und fundamentalistische Terroristen sind, eine Chance bekommen, in die afghanische Gesellschaft zurückzukehren.” Den Mitläufern müsse man eine Brücke bauen, damit sie eine wirtschaftliche Zukunft unabhängig von den Taliban bekämen und so wieder für die Gemeinschaft zurückgewonnen werden. 

Westerwelle berichtete darüber, wie der afghanische Präsident Hamid Karsai die große Zahl jugendlicher Mitläufer beschrieben habe. Diese würden oft “nicht aus ideologischen Gründen kämpfen, sondern weil das ihr Brotwerb sei”, so Westerwelle. “Die müssen wir herausholen, da müssen wir dem harten Kern der Terroristen den Boden entziehen”, unterstrich der deutsche Außenminister.

Grundlage für die Reintegration muss die Loyalität zur afghanischen Verfassung sein. Im Kern besteht das Programm aus einem Ausbildungs- und Beschäftigungspaket. Das Gesamtvolumen des Programms ist noch offen. Die Bundesregierung will zu dem Fonds 50 Millionen Euro beitragen. Das Programm soll gemeinsam von der internationalen Staatengemeinschaft und der afghanischen Regierung betreut werden.

Afghanistan-Konferenz berät über neue Strategie

28.01.2010

Afghanistan-Konferenz Gruppenfoto in Lancaster House

Afghanistan-Konferenz Gruppenfoto in Lancaster House (newsteam.co.uk/ Crown Copyright)

Bundesaußenminister Guido Westerwelle will ein neues Kapitel in der Afghanistan-Politik aufschlagen. Bei der Afghanistan-Konferenz in London betonte Westerwelle, es müsse mehr auf den zivilen Aufbau sowie die Aussöhnung in Afghanistan gesetzt werden. Gleichzeitig müsse eine selbsttragende Sicherheit im Land erreicht werden.

Niemand könne garantieren, dass die neue Strategie erfolgreich ist, aber die Fortschreibung der alten Strategie wäre in jedem Fall erfolglos gewesen, so Westerwelle. “Wir wollen einen Wendepunkt schaffen”, unterstrich er vor Konferenzbeginn.

An der eintägigen Konferenz nehmen neben dem britischen Premierminister Gordon Brown, VN-Generalsekretär Ban Ki Moon und dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai mehr als 40 Außenminister teil. Deutschland wird durch Bundesaußenminister Guido Westerwelle vertreten. Die Konferenz war auf Initiative der deutschen, der französischen und der britischen Regierung zustande gekommen.

Informationen zur Londoner Afghanistan-Konferenz (englisch)

Deutschland mit neuem Konzept

Vor der Konferenz hatte sich die Bundesregierung auf ein neues Afghanistan-Konzept verständigt. Das Ziel der Anstrengungen ist mehr Sicherheit für Deutschland durch die langfristige Stabilisierung Afghanistans. Dazu wird einerseits die Hilfe für den zivilen Wiederaufbau verdoppelt, andererseits die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte verstärkt.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle betonte in Berlin, das von der Bundesregierung beschlossene Konzept sei “ein Konzept des Neuanfangs und der neuen politischen Strategie”.

Gemeinsames Ziel sei es, mit dem Prozess der Übergabe der Verantwortung in afghanische Hände noch in diesem Jahr zu beginnen: “Ziel ist eine Abzugsperspektive für unsere Soldatinnen und Soldaten.” In den nächsten vier Jahren sollten, so der Außenminister, die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass die militärische Präsenz schrittweise zurückgeführt werden kann.

Logo der Londoner Afghanistan-Konferenz

Breite Zustimmung der internationalen Partner

Bereits am Vorabend kam Westerwelle mit einigen Amtskollegen zusammen und erläuterte die Kernpunkte des deutschen Konzepts. Dabei herrschte Einigkeit über die Notwendigkeit, eine Abzugsperspektive zu erarbeiten. So solle 2011 mit der Verringerung der Truppenstärke begonnen werden und 2014 die Verantwortung für die Sicherheit an die afghanische Führung zurückgegeben werden. Denn, so Westerwelle: “Wir wollen nicht ewig und drei Tage in Afghanistan bleiben”. Premierminister Brown würdigte zudem zu Konferenzbeginn die Ankündigung der deutschen Regierung, die Hilfe für den Wiederaufbau zu verdoppeln.

Zuvor hatte Westerwelle bereits die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton über das neue Konzept der Bundesregierung informiert: “Unsere Verbündeten wissen, wie stark sich Deutschland engagiert”, so Westerwelle.  

Auch der afghanische Präsident Hamid Karsai, der Deutschland vor der Konferenz besuchte, habe auf das Konzept “sehr positiv” reagiert. Der Bundesaußenminister unterstrich, dass es auch in der Völkergemeinschaft “großen Rückenwind für den deutschen Strategiewechsel” gebe. Die 27 Außenminister der EU sähen “es in den Schlüsselpunkten genau so wie” die deutsche Regierung.

Westerwelle im ZDF-Morgenmagazin (Video)

Mitläufern eine wirtschaftliche Perspektive geben

Auf der Konferenz soll ein Reintegrationsfonds für Mitläufer geschaffen werden. Westerwelle bekräftigte: “Wir wollen, dass junge Männer, die nicht Ideologen und fundamentalistische Terroristen sind, eine Chance bekommen, in die afghanische Gesellschaft zurückzukehren.” Den Mitläufern müsse man eine Brücke bauen, damit sie eine wirtschaftliche Zukunft unabhängig von den Taliban bekämen und so wieder für die Gemeinschaft zurückgewonnen werden. 

Westerwelle berichtete darüber, wie der afghanische Präsident Hamid Karsai die große Zahl jugendlicher Mitläufer beschrieben habe. Diese würden oft “nicht aus ideologischen Gründen kämpfen, sondern weil das ihr Brotwerb sei”, so Westerwelle. “Die müssen wir herausholen, da müssen wir dem harten Kern der Terroristen den Boden entziehen”, unterstrich der deutsche Außenminister.

Grundlage für die Reintegration muss die Loyalität zur afghanischen Verfassung sein. Im Kern besteht das Programm aus einem Ausbildungs- und Beschäftigungspaket. Das Gesamtvolumen des Programms soll voraussichtlich zunächst etwa 350 Millionen Euro auf fünf Jahre betragen. Falls die Voraussetzungen erfüllt sind, will die Bundesregierung zu dem Fonds 50 Millionen Euro beitragen. Das Programm soll gemeinsam von der internationalen Staatengemeinschaft und der afghanischen Regierung betreut werden.

Israels Präsident zu Staatsbesuch in Berlin 

27.01.2010

Bundesaußenminister Westerwelle überreicht Shimon Peres den Walter-Rathenau-Preis 2009 (27.01.2010)

Westerwelle überreicht Peres den Rathenau-Preis (picture-alliance/dpa)

Deutschland und Israel teilen gemeinsame Werte und fundamentale außenpolitische Interessen. Dies betonte Bundesaußenminister Guido Westerwelle beim Staatsbesuch des israelischen Präsidenten Shimon Peres. Dazu gehörten Frieden im Nahen Osten und die Verhinderung einer iranischen Nuklearwaffenoption.

Westerwelle nannte das iranische Atomprogramm “eine der wichtigsten sicherheitspolitischen Herausforderungen für die Weltgemeinschaft”. Die Verhinderung einer iranischen Nuklearwaffenoption sei für Deutschland sowohl “genuines nationales Interesse” als auch “Ausdruck der Verantwortung für die Sicherheit Israels”. Diese sei für die Bundesregierung “nicht verhandelbar”.

Mit Blick auf den Konflikt im Nahen Osten mahnte der deutsche Außenminister, dass nur eine Zwei-Staaten-Lösung langfristig Sicherheit für Israel bieten könne. Die israelisch-palästinensischen Verhandlungen müssten daher schnell wieder aufgenommen werden: “Stillstand ist keine Option.” Alle Seiten müssten ihren Verpflichtungen aus der Roadmap nachkommen und mutige Schritte gehen.

Rathenau-Preis für Shimon Peres

In Berlin wurde Shimon Peres mit dem Walter-Rathenau-Preis ausgezeichnet. In seiner Laudatio würdigte Westerwelle den israelischen Staatspräsidenten als einen “prägenden Außenpolitiker des 20. Jahrhunderts”, “Freund Deutschlands” und “Wegbereiter” der deutsch-israelischen Beziehungen. Peres habe sich nicht nur um das deutsch-israelische Verhältnis verdient gemacht, sondern sich auch immer wieder für die Annäherung zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn eingesetzt. So habe der von ihm angestoßene Oslo-Prozess das Fundament für einen Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern gelegt.

Peres und Westerwelle bei der Verleihung des Rathenau-Preises (27.01.2010)

Peres und Westerwelle (picture-alliance/dpa)

Westerwelle bekräftigte das deutsche Bekenntnis zur Verantwortung für die Shoah. Die Deutschen wüssten: “In der Annahme der Vergangenheit liegt das Fundament für die Zukunft.” Der 65. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz symbolisiere die komplexen deutsch-israelischen Beziehungen, “die stets gleichzeitige Präsenz von Vergangenheit und Gegenwart, von Trauer und Hoffnung”. Der Bundesaußenminister unterstrich, es sei ausdrückliches Ziel der Bundesregierung, dass das Gefühl der Verpflichtung gegenüber dem Staat Israel und dem jüdischen Volk an die kommende Generation weitergegeben werde. Er hoffe auf ein Netzwerk junger Menschen, die die deutsch-israelischen Beziehungen tragen und voranbringen könnten.

Das Walther Rathenau Institut zeichnet jedes Jahr ein herausragendes außenpolitisches Lebenswerk mit einem Preis aus. Das Institut ist eine überparteiliche, gemeinnützige Stiftung für internationale Politik und hat seinen Sitz in Berlin. Es ist benannt nach Walther Rathenau, dem deutsch-jüdischen Außenminister der Weimarer Republik. 

Die Stiftung ehrte den israelischen Staatspräsidenten für seinen “unermüdlichen Einsatz für Frieden und demokratische Grundwerte im Nahen Osten”.

Mehr über das Walther Rathenau Institut

Gemeinsames Gedenken an die Opfer des Holocaust

Im Rahmen der Gedenkstunde zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus sprach der israelische Staatspräsident auch vor dem Deutschen Bundestag. Westerwelle dankte Peres für diese “wichtige Geste der Verbundenheit”.

Israels Staatspräsident Peres spricht am Holocaust-Gedenktag vor dem Deutschen Bundestag (27.01.2010)

Peres spricht vor dem Deutschen Bundestag (picture-alliance/dpa)

In seiner Rede würdigte Peres die “einzigartige Freundschaft” zwischen Deutschland und Israel, die nicht dazu geführt habe, die Shoah zu vergessen. Der israelische Staatspräsident warb zudem für eine “gemeinsame Zukunft”, in der es keinen Platz für Hass, Krieg oder Antisemitismus geben dürfe.

Rede des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres vor dem Deutschen Bundestag (27. Januar 2010)

Es war die erste Rede eines israelischen Staatsoberhaupts bei der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus.

In Deutschland wird der “Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus” seit 1996 am 27. Januar begangen. 1945 hatten an diesem Tag Soldaten der Roten Armee die Überlebende  des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau befreit. 2005 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar offiziell zum internationalen Holocaustgedenktag.
Israel hingegen begeht den Holocaust-Gedenktag am 27. Nisan des jüdischen Kalenders. 2010 fällt der “Jom HaSho’a” auf den 11. April. An diesem Tag wird ganz Israel um 10 Uhr für zwei Minuten zum Stillstand kommen. Im gesamten Land heulen dann Sirenen, Autos und Züge halten an, und die Menschen bleiben schweigend stehen. 

Einzigartige Beziehungen

Deutschland und Israel verbinden einzigartige Beziehungen. Die Sicherheit und das Existenzrecht Israels sind unverrückbare Eckpfeiler der deutschen Außenpolitik. 2008 kamen die Regierungen beider Länder zum 60. Gründungsjubiläum des Staates Israel erstmals zu einer gemeinsamen Kabinettssitzung zusammen. Am 18. Januar 2010 fanden in Berlin die zweiten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen statt.

Germany goes to the London Conference on Afghanistan with a new strategy

27.01.2010

Federal Foreign Minister Guido Westerwelle will be calling for a broad political approach at the London Conference on Afghanistan. There should be greater focus on civilian reconstruction as well as reconciliation in Afghanistan, he said in Berlin. At the same time, self-sustaining security had to be achieved.

No-one could guarantee that the new strategy would be successful, but it was clear that the old strategy would not succeed, stated Westerwelle.

Information on the London Conference on Afghanistan

He went on to say that he had briefed US Secretary of State Hillary Clinton on the new strategy. “The reaction was very positive”, said Westerwelle. “Our allies know how strong Germany’s commitment is.”

Afghanistan’s President Hamid Karzai, who visited Germany ahead of the Conference, reacted “very positively” to the strategy, stressed the Federal Foreign Minister. What is more, Westerwelle stated, there was also “considerable support for Germany’s change in strategy” in the international community. The 27 EU Foreign Ministers shared the German Government’s view on the key points.

Providing moderate Taliban fighters with economic opportunities

Part of the new strategy is the reintegration of ex-fighters and moderate Taliban into Afghan society. This is intended to persuade insurgents who are fighting more out of economic necessity than for ideological reasons to rejoin society.

Westerwelle gave an account of what Afghanistan’s President Hamid Karzai had said about the number of moderate young Taliban fighters. They often “weren’t fighting for ideological reasons but, rather, because they wanted to earn a living”, Westerwelle said. “We have to get them out. We have to cut the ground from under the hard core terrorists”, emphasized the German Foreign Minister.

Reintegration must hinge on loyalty to the Afghan Constitution. A training and employment package lies at the core of the programme. The total budget envisaged for the programme will initially encompass around 350 million euro over five years. If the requirements are met, the German Government will contribute 50 million euro to the fund. The programme is to be supervised jointly by the international community and the Afghan Government.

Clark and Westerwelle

Clark and Westerwelle (picture-alliance/dpa)

Westerwelle briefs UNDP Administrator

In talks with Helen Clark, Administrator of the United Nations Development Programme (UNDP), the Federal Minister briefed her on the German Government’s new Afghanistan strategy.

The UNDP Administrator was especially interested in the Afghan Government’s programme for the reintegration of moderate Taliban fighters. She pledged UNDP’s support, pointing out that the organization had considerable experience in demobilization, disarmament and reintegration in former conflict regions.

As well as programmes in the Democratic Republic of the Congo and the Sudan, it was already running projects in 120 districts in Afghanistan.